«Wir müssen unsere Fähigkeiten in allen Domänen stärken»
Urs Loher hat sein Amt als Chef der Armasuisse am 1. August 2023 angetreten. In einem Interview gibt er Einblick in die Armasuisse und berichtet über die anstehenden Herausforderungen in Zeiten von gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Veränderungen.
Interview
Zentralvorstand swissPersona
swissPersona: Was macht die Arbeit bei Armasuisse attraktiv – insbesondere für junge Talente?
Urs Loher: Armasuisse bietet die Möglichkeit, an Projekten mitzuarbeiten, die für die Sicherheit unseres Landes von zentraler Bedeutung sind. Unsere Mitarbeitenden bewegen sich an der Schnittstelle von Technologie, Innovation, Politik und Sicherheit. Gerade junge Talente finden bei uns spannende Aufgaben in Bereichen wie Digitalisierung, Cyber, Luft- und Bodensysteme, Nachhaltigkeit oder Forschung. Wer Verantwortung übernehmen und einen direkten Beitrag zur Sicherheit der Schweiz leisten und sich mit spannenden Technologien auseinandersetzen möchte, findet bei armasuisse ein attraktives Umfeld.
Wie viele Lernende bildet Armasuisse in welchen Bereichen aus?
Die Berufsbildung hat für Armasuisse einen hohen Stellenwert. Aktuell bilden wir 25 Lernende in verschiedenen technischen und kaufmännischen Lehrberufen mit EFZ aus. Darunter sind Kauffrau/Kaufmann, Informatiker/in Fachrichtung Applikationsentwicklung sowie Plattformentwicklung, Mediamatiker/in und Physiklaborant/in. Ab August kommt erstmals auch ein/eine Entwickler/in digitales Business hinzu. Als Besonderheit, und das freut mich natürlich auch besonders, haben wir unter den 25 Lernenden auch fünf Sport-Lernende. Aktuell handelt es sich dabei um Fussballer und Eishockeyspieler. Mit unserem Engagement investieren wir somit gezielt in den eigenen Nachwuchs und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Fachkräfteentwicklung in der Schweiz.
Weiter ist Armasuisse ein zertifizierter Ausbildungsbetrieb. Alle drei Jahre nehmen wir an der Zertifizierung von «great place to work» teil und haben 2025 – wie auch schon 2022 – mit einem Glanzresultat abgeschlossen. Das ist mitunter auch der Verdienst aller mit der Ausbildung von Lernenden betreuten Mitarbeitenden von Armasuisse. Es zeigt mir auch in diesem Aspekt, das grosse Engagement der Mitarbeitenden.
Welche Bedeutung haben Schweizer Unternehmen und Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie und wie stellt Armasuisse sicher, dass das Know-how in der Schweiz erhalten bleibt?
Eine leistungsfähige sicherheitsrelevante Industrie ist für die Schweiz von essentieller Bedeutung. Sie trägt zur Versorgungssicherheit und Durchhaltefähigkeit der Armee bei, sichert Arbeitsplätze und technologische Kompetenzen. Bei Beschaffungen achten wir deshalb darauf, dass Schweizer Unternehmen möglichst eingebunden werden. Offset-Geschäfte, industrielle Kooperationen und Technologietransfers helfen dabei, Know-how in der Schweiz aufzubauen und langfristig zu erhalten.
Wie stellen Sie sicher, dass die Schweiz bei Rüstungsprojekten nicht von internationalen Lieferkettenkrisen abhängt?
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sein können. Deshalb verfolgen wir verschiedene Ansätze: Wir diversifizieren Lieferanten, bauen strategische Partnerschaften auf und prüfen bei wichtigen Systemen Möglichkeiten für nationale Wartungs- und Instandhaltungskapazitäten. Gleichzeitig erhöhen wir den Inlandanteil, stärken die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Sicherheitslage in Europa und welche konkreten Konsequenzen ergeben sich daraus für die Schweiz?
Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Der Krieg in der Ukraine und auch im Iran, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe und die zunehmende geopolitische Unsicherheit zeigen, dass Frieden und Stabilität nicht selbstverständlich sind. Für die Schweiz bedeutet dies, ihre Verteidigungsfähigkeit gezielt zu stärken und bestehende Fähigkeitslücken rasch zu schliessen. Sicherheitspolitik muss wieder langfristiger und gesamtheitlich gedacht werden.
Welche Beschaffungsprojekte laufen derzeit im Bereich Armee-Modernisierung? Wo stehen wir beim F-35 und bei der bodengestützten Luftverteidigung?
Im Mittelpunkt stehen aktuell die Erneuerung der Systeme der Luftwaffe, die Stärkung der bodengestützten Luftverteidigung, die Digitalisierung der Führungs- und Kommunikationssysteme sowie Projekte im Cyberbereich. Beim F-35 laufen die Arbeiten gemäss den vereinbarten Programmen weiter. Parallel dazu treiben wir den Aufbau einer modernen, mehrschichtigen Luftverteidigung voran. Ziel ist es, die Schweiz wirksam gegen Bedrohungen aus der Luft schützen zu können.
Wie stark werden beim Unterhalt der neuen Flugzeuge F-35 die Flugplätze Meiringen und Payerne zukünftig berücksichtigt?
Die künftigen Betriebs- und Unterhaltskonzepte sehen vor, dass die bestehenden militärischen Flugplätze weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere Payerne und Meiringen verfügen über bedeutende Kompetenzen und Infrastrukturen. Wo immer möglich, streben wir an, Know-how und Wertschöpfung in der Schweiz aufzubauen und zu erhalten.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz halten auch in der Armee Einzug. Worin sehen Sie die Chancen – und die Risiken?
Die Chancen liegen in einer schnelleren Informationsverarbeitung, besseren Entscheidungsgrundlagen und effizienteren Abläufen. Gleichzeitig entstehen neue Risiken, etwa durch Manipulation, Cyberangriffe oder die Abhängigkeit von digitalen Systemen. Deshalb müssen technologische Innovation und Sicherheit immer gemeinsam gedacht werden. Der Mensch bleibt letztlich für Entscheidungen verantwortlich.
Welche Fähigkeiten müssen wir als Schweiz weiterentwickeln – boden-, luft- oder cyberlastig?
Es wäre falsch, diese Bereiche gegeneinander auszuspielen. Moderne Verteidigung funktioniert vernetzt. Wir müssen unsere Fähigkeiten in allen Domänen stärken: am Boden, in der Luft, im Weltraum, im Cyberraum und zunehmend auch im elektromagnetischen Spektrum. Die grössten Herausforderungen liegen heute in der Integration dieser Fähigkeiten zu einem wirksamen Gesamtsystem.
Welche Rolle hat Armasuisse im Zusammenspiel mit Politik, Armee und Industrie?
Armasuisse beschafft, evaluiert und betreut die Systeme, welche die Armee für ihren Auftrag benötigt. Dabei arbeiten wir eng mit der Armee, dem VBS, der Politik sowie mit nationalen und internationalen Industriepartnern zusammen. Unsere Aufgabe ist es, die Bedürfnisse der Armee in wirtschaftliche, technisch tragfähige und transparente Lösungen zu überführen.
Die Beschaffung grosser Rüstungsprojekte ist politisch oft kontrovers. Wie kann Armasuisse Vertrauen schaffen und Transparenz schaffen?
Vertrauen entsteht durch Offenheit, Nachvollziehbarkeit und Professionalität. Wir legen unsere Verfahren, Kriterien und Entscheidungsgrundlagen transparent dar, begründen diese und informieren regelmässig über den Projektstand. Gerade bei komplexen Beschaffungen ist eine sachliche und faktenbasierte Kommunikation entscheidend.
Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit zwischen Armasuisse und den Personalverbänden, insbesondere swissPersona wahr?
Die Mitarbeitenden sind unser wichtigstes Kapital. Deshalb schätze ich den regelmässigen Austausch mit den Personalverbänden sehr. swissPersona bringt die Anliegen der Mitarbeitenden ein und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer konstruktiven Weiterentwicklung unserer Organisation. Ein offener Dialog hilft, Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Herzlichen Dank für das Interview. ■ (Bild: Urs Loher, Chef Armasuisse) (Bild Armasuisse)
